Chimäre

Chimäre_8575, 2012, Pigmentprint auf Hahnemühle Photo Rag, 42 x 59,4 cm, Edition 5 + 1 Artist Print © VG Bildkunst 2020

 

 

Chimäre_8591, 2012, Pigmentprint auf Hahnemühle Photo Rag, 29,7 x 42 cm, Edition 5 + 1 Artist Print © VG Bildkunst 2020

 

 

 

Chimäre_8613, 2012, Pigmentprint auf Hahnemühle Photo Rag, 42 x 59,4 cm, Edition 5 + 1 Artist Print © VG Bildkunst 2020

 

 

 

Chimäre_8664, 2012, Pigmentprint auf Hahnemühle Photo Rag, 29,7 x 42 cm, Edition 5 + 1 Artist Print © VG Bildkunst 2020

 

 

 

Chimäre_8693, 2012, Pigmentprint auf Hahnemühle Photo Rag, 59,4 x 84 cm, Edition 5 + 1 Artist Print © VG Bildkunst 2020

 

 

 

Chimäre_7303, 2012, Pigmentprint auf Hahnemühle Photo Rag, 29,7 x 42 cm, Edition 5 + 1 Artist Print © VG Bildkunst 2020

 

Chimäre — Vom Urort zum Unort       Silke Helmerdig, März 2021 1
(please scroll down for the English version)

Es gibt Orte, die scheinen schwerer vom Menschen eingenommen werden zu können als andere. Sie sind in unserer Vorstellung — auch wenn fälschlicherweise — unberührt und sich selbst überlassen. Solche Orte möchte ich Ur-Orte nennen. Sie füllen vorhistorische Narrative. Ein solcher Urort sind Wüsten. Wüsten stellen wir uns als weitläufige Sandareale vor, unwirtlich und nur von nomadischen Stämmen ohne bleibende Eingriffe durchquert. Für das jüdisch-christliche Narrativ ist die Wüste der Ort von Unterdrückung und Befreiung, an dem der Beginn der folgenden Kulturgeschichte verortet wird.

Natürlich wissen wir, dass auch die Wüste kein unberührter Ort ohne Zeichen menschlicher Hinterlassenschaften ist. Wir kennen die Pyramiden von Gizeh, wenn auch vielleicht nur von Bildern, wie den Modefotos eines F.C. Gundlach. Wir kennen auch Bilder des architektonischen Größenwahns in Wüstenstädten. Und vielleicht hat uns auch schon einmal eine Reise in eine der Wüsten der Welt gebracht, wo wir selbst Zeugen der menschlichen Hinterlassenschaften wurden. Dennoch, ob Sahara, Gobi, Nevada oder Negev, unsere Vorstellung von Wüsten ist eher eine ohne fixierte Eingriffe des Menschen.

Neben dieser Vorstellung eines Ur-Ortes sind Wüsten nach der Beobachtung von Marc Augé erst einmal Orte. Augé unterscheidet zwischen Orten und Nicht-Orten. Orte sind geprägt durch Identität, Relation und Geschichte. (Augé, Marc: Nicht-Orte. Beck, München, 2014. S. 83) In diesem Sinne wäre die Wüste ein Ort, ein Lebensraum, mit dem ihre Bewohner sich identifizieren können, an dem sie ihre Identität finden. Dagegen sind Nicht-Orte geschaffene Orte des Transits in Konsequenz einer modernen mobilen Gesellschaft. Nicht-Orte sind, laut Marc Augé, „Räume, die in Bezug auf bestimmte Zwecke (…) konstituiert sind.“ (Augé, Marc: Nicht-Orte. Beck, München, 2014. S. 96) Dem Nicht-Ort ist eigen, dass er nicht zum Verweilen einlädt. Er dient keiner Identifikation, ist temporär und austauschbar.

Zu den Kategorien Orte und Nicht-Orte möchte ich nun noch die Kategorien Ur-Orte und Un-Orte hinzufügen. Was ich als Un-Orte bezeichne, können Chimären aus Ur-Orten und Nicht-Orten sein, wie die Fotos von Sabine Wild sie zeigen. Der durch den menschlichen Eingriff entstandene Nicht-Ort lässt den Ur-Ort zum Trugbild werden. Auf Sabine Wilds Fotos sind Wüstenlandschaften zu sehen, in denen es unverständliche und aufgrund des Ausschnitts unerklärliche Eingriffe gegeben hat: Bauten, Sportplätze, Strommasten und Straßen, die nirgendwohin führen. Wie eine Fata Morgana erscheinen diese urbanen Zeichen und stören unsere Vorstellung des Ur-Ortes.

Chimäre, der Titel der Arbeit weist uns in verschiedene Richtungen, die sich alle in Sabine Wilds Serie fotografischer Bilder wiederfinden lassen. Kann eine Chimäre doch ein fiktives Mischwesen aus der Mythologie ebenso bezeichnen wie verfälschte Fossilien, die die Existenz von prähistorischen Tieren zu belegen scheinen, die es in dieser Form nie gegeben hat. Genauso gut kann Chimäre auch ein Trugbild bezeichnen. Die Fotos der Serie Chimäre zeigen Eingriffe in eine undefinierte Landschaft, die einen Ort zum Nicht-Ort, den Ur-Ort zum Un-Ort werden lassen. Ein Sportplatz mit Basketballkörben, Straßen und Häuser, Wellblecharchitektur und Strommasten — was nach Stadträumen in urbanen Metropolen klingt, hat auf den beinahe monochrom anmutenden Fotos von Sabine Wild eher etwas von Fata Morgana, von einer nicht zu lokalisierenden Erscheinung. Durch den fotografischen Ausschnitt herausgelöst aus ihrer weiteren Umgebung präsentieren die Bilder eine Art moderne Karawanserei, Befestigungen des 21. Jahrhunderts, die nicht mehr dem Überleben dienen, sondern westliche Vorstellungen von Urbanität und Spätmoderne verfügbar machen.

Fotografien sind Bilder, die scheinbar den Beleg für eine frühere Wirklichkeit geben. Ihre Erscheinung setzt sich aus einer Wirklichkeit, die abgelichtet wird und einer Wirklichkeit, die sich auf dem entstehenden Bild präsentiert, zusammen. Die Bildwirklichkeit kann ein Trugbild der abgelichteten Wirklichkeit sein, sie kann aber auch als Mischwesen gelesen werden. Immer aber verfälscht das Abbild das Vorbild durch seine Bedingungen. Denn die Fotografie zeigt nicht die Wirklichkeit, an der sich die Fotografin bei Aufnahme befand. Weder Raum noch Zeit des Bildes entsprechen der der Aufnahme. Das Foto re-präsentiert das Vorbild in doppelter Weise: Es wiederholt die Erscheinung eines vergangenen Momentes, ebenso wie es für diesen Moment zum Repräsentanten wird. Es erscheint in Folge der Aufzeichnung wieder und wieder anstelle des Originalen und nun längst vergangenen Momentes.

Fotografien erschaffen Chimären verschiedener Wirklichkeitsvorstellungen, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart vermengen und so ein Trugbild erzeugen, das uns weder über die Vergangenheit noch über die Gegenwart informiert, doch stattdessen unsere Vorstellung auf zukünftige Möglichkeiten richtet. In Sabine Wilds Serie Chimäre trifft der Ort auf den Nicht-Ort, wodurch der Ur-Ort zum Un-Ort wird. So wird eine Fata Morgana erzeugt, die nicht nur räumlich entfernte Landschaften näher rückt, sondern auch in zeitliche Entfernung zu blicken ermöglicht.

 

Chimera — from primordial place to un-place       Silke Helmerdig, March 2021

There are places that seem harder to be taken by humans than others. They are in our imagination – even if mistakenly – untouched and left to their own devices. I should like to refer to such places primordial places. They fill prehistoric narratives. One such primordial place is deserts. We imagine deserts as vast sandy areas, inhospitable and traversed only by nomadic tribes leaving no lasting impressions. For the Judeo-Christian narrative, the desert is the place of oppression and liberation, the location of where the subsequent cultural history commences.

Of course, we know that even the desert is not a pristine place, a place with no remnants of human legacy. We know the pyramids of Giza, even if perhaps only from pictures, like the fashion photographs of F.C. Gundlach. We are also familiar with images of architectural megalomania in desert cities. And perhaps a journey has taken us to one of the world’s deserts, where we witnessed the human legacy for ourselves. Still, whether Sahara, Gobi, Nevada, or Negev, our idea of deserts tends to be one without solid human intervention.

Along with this concept of a primordial place, deserts are first and foremost places according to Marc Augé’s observation. Augé distinguishes between places and non-places. Places are characterized by identity, relation and history. (Augé, Marc: non-places. Beck, Munich, 2014. p. 83) In this sense, the desert would be a place, a habitat, with which its inhabitants can identify, where they find their identity. In contrast, non-places are transient places existing as a consequence of a modern mobile society. Non-places are, according to Marc Augé, „spaces constituted in relation to specific purposes (…).“ (Augé, Marc: non-places. Beck, Munich, 2014. p. 96) The non-place is peculiar in that it does not invite one to linger. It does not serve the purpose of identification, is temporary and interchangeable.

To the categories places and non-places, I would now like to add the categories primordial or ur-places and un-places. What I call un-places can be chimeras of primordial places and non-places, as Sabine Wild’s photographs illustrate them. The non-place created by human intervention transforms the primordial place into a deception. Sabine Wild’s photos are desert landscapes where inexplicable and incomprehensible interventions have occurred due to the clipping: Buildings, sports fields, electricity pylons and roads that lead nowhere. Like a mirage, these urban structures appear and disturb our idea of the primordial place.

Chimera, the title of the work points us in different directions, all of which can be found in Sabine Wild’s series of photographic images. After all, a chimera can designate a fictitious hybrid creature from mythology as well as falsified fossils that seem to prove the existence of prehistoric animals that never existed in such a form. Equally, chimera can also depict a deception. The photographs in the Chimera series show interventions in an undefined landscape that turn a place into a non-place, the primordial place into an un-place. A sports field with basketball hoops, streets and houses, corrugated iron architecture and electricity pylons – what sounds like urban spaces in urban metropolises has something of a mirage in Sabine Wild’s almost monochrome-looking photographs – an apparition that cannot be localized. Detached from their broader surroundings with the clipping, the images present a kind of modern caravanserai, fortifications of the 21st century that no longer serve survival but rather present Western notions of urbanity and late modernity.

Photographs are images that seem to provide evidence of an former reality. Their appearance consists of one reality that is photographed and one reality that presents itself in the resulting image. The image reality may be a distortion of the photographed reality, but it can also be viewed as a hybrid. Be that as it may the image always falsifies the paragon through its conditions. The photograph does not reflect the reality in which the photographer was located when the picture was taken. Neither the space nor the time of the image correspond to that of the photograph. The photograph re-presents the paragon in a double way: It repeats the appearance of a past moment, just as it becomes the representative for that moment. As a result of the recording, it appears again and again in place of the original and now long-gone moment.

Photographs create chimeras of different conceptions of reality, in which past and present intermingle, creating a deception that elucidates neither the past nor the present, but instead directs our imaginations toward future possibilities. In Sabine Wild’s series Chimera, the place meets the non-place, turning the primordial place into an un-place. This creates a mirage that not only brings spatially distant landscapes closer, but also allows us to peer into temporal distance.