Heimspiel

Unser Heim, das wir mit Möbeln im Wohnraum gestalten, ist unser Territorium, in dem sich unsere Beziehungsgeflechte entfalten. In meiner Fotoserie werden Miniaturmöbel aus Puppenstuben zu Akteuren, zu Metaphern menschlicher Beziehungen und ihrer Verstrickungen. Aus ihrem räumlichen Kontext und ihrer ursprünglichen Funktion gelöst, sind sie aneinander gelehnt, zu wackeligen, kurz vor dem Umkippen stehenden Türmen aufgestapelt oder stehen einzeln und isoliert.

Diese alten Puppenstubenmöbel mit ihren Gebrauchsspuren wecken in mir eine spielerische Lust, dieses eigentlich schwergewichtige Thema humorvoll umzusetzen und daraus ästhetisch leichte skulpturale Kompositionen im Miniaturformat zu bauen. In diesen fragilen Konstellationen zeigt sich das ständige Ringen um Gleichgewicht als Fundament zwischenmenschlicher Beziehungen. Das Ausloten und Testen der Möglichkeiten innerhalb eines gegebenen Rahmens; der Wunsch nach Verschmelzung oder nach Distanz; das Wechselspiel des Anlehnens mit dem Verlust des Gleichgewichts, die Bewegung zwischen Anpassung und Auflehnung, Überwältigung und Unterwerfung; der Versuch, Machtstrukturen aufzubrechen – aber auch die zärtliche Hingabe und leise Annäherung. All dies sind Nuancen des Beziehungsalltags.

In Analogie zu den Puppenhausmöbeln, die idealtypisch für unterschiedliche Zeiten und Regionen Deutschlands stehen, tragen Menschen ihre unterschiedliche kulturellen Kodizes und Biografien in ihre Beziehung, die sich dann oft sehr dynamisch gestalten. Dem Betrachter bleibt die Freiheit der Interpretation. Die Kompositionen ermöglichen ein Einfühlen in die – mit äußerst einfachen Mitteln ausgedrückten – lyrischen Momente eines Beziehungsalltags.

Sabine Wild, Juni 2020